Ergebnisse der Plastikpiraten - Eine Zusammenfassung der Jahre 2016 bis 2020

Seit dem Beginn der Plastikpiraten im Jahre 2016 haben bis heute über 15.000 Kinder und Jugendliche in insgesamt sechs Probenzeiträumen an mehr als 900 Standorten Daten zur lokalen Müllverschmutzung in allen 16 Bundesländern erhoben. Die meisten teilnehmenden Gruppen erforschten dabei den Rhein mit seinen Nebenflüssen, gefolgt vom Flusssystem Donau, Elbe und Weser. Aber auch kleinere Fließgewässer wie die Ems, Peene oder Oder wurden von den Plastikpiraten unter die Lupe genommen.

Parallel zu den laufenden Probenzeiträumen ist das Team der Kieler Forschungswerkstatt durchgehend damit beschäftigt, die bereits erhobenen Daten zu verifizieren und in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Dies ist wichtig, um die Ergebnisse für die internationale Forschungsgemeinschaft zugänglich zu machen. Der lange Prozess der wissenschaftlichen Begutachtung und Veröffentlichung der Daten hat beispielsweise mit den Daten der Gruppen begonnen, die den Müll am Flussufer erforschten (sowohl die Zusammensetzung des Mülls, Müllansammlungen und Müllquellen). Die wissenschaftliche Publikation dazu findet sich unter https://doi.org/10.1016/j.envpol.2018.11.025. Noch sind nicht alle der hier präsentierten Daten abschließend verifiziert und dienen deshalb zu einer ersten Übersicht.

Müllmengen und Zusammensetzung des Mülls am Flussufer (Gruppe A, ehemals Gruppe 2)

Zur Auswertung des Mülls am Flussufer wurden 513 Standorte von den Jugendlichen beprobt. Insgesamt identifizierten die Plastikpiraten 15.566 Müllteile auf 32.097 Quadratmetern Uferfläche. Im Schnitt also 0,48 Müllteile pro Quadratmeter (siehe Tabelle 1). Umgerechnet bedeutet das: In einem Klassenzimmer mit einer Größe von 50 Quadratmetern würde man etwa 24 Müllteile finden. Zwischen den Flusssystemen allerdings gab es Unterschiede: An Elbe und Rhein wurde mehr Müll gefunden, an der Donau und Weser hingegen weniger (siehe Tabelle 2).

In den einzelnen Probenzeiträumen wurden unterschiedlich viele Standorte untersucht und unterschiedlich hohe Mengen an Plastikmüll gefunden. Im Herbst 2016 fanden die Jugendlichen an 95 Standorten, die für die Probennahme berücksichtigt wurden, auf 5.881 Quadratmetern 3.286 Müllteile. Im Frühjahr 2017 waren es 2.669 Müllteile auf 5.174 Quadratmetern an 84 Standorten, im Frühjahr 2018 4.195 Müllteile auf 5.796 Quadratmetern an 92 Standorten, im Herbst 2018 1.307 Müllteile auf 7.056 Quadratmetern an 122 Standorten und im Herbst 2019 3.467 Müllteile auf 7.686 Quadratmetern, ebenfalls an 122 Standorten. Im Frühjahr 2020 war die Anzahl der teilnehmenden Gruppen aufgrund der Corona-Pandemie deutlich geringer als in den Vorjahren, sodass nur 642 Müllteile auf 504 Quadratmetern an acht Standorten gefunden wurden.

Am Rhein wurden insgesamt 0,65 Müllteile pro Quadratmeter Uferfläche gefunden, an der Weser waren es 0,35, an der Elbe 0,53, an der Donau 0,24 und an sonstigen Flüssen 0,29.

Tabelle 1 mit Balkendiagramm: Anzahl der Standorte, Müllteile sowie Größe der untersuchten Fläche, welche für die Müllmengen und die Zusammensetzung des Mülls untersucht wurden. Der Inhalt wird im vorhergehenden Text erläutert.

Tabelle 2 mit Balkendiagramm: Müllfunde pro Quadratmeter Uferfläche an den verschiedenen Flusssystemen. Der Inhalt wird im vorhergehenden Text erläutert.

Der meiste Müll, der von den Kindern und Jugendlichen gefunden wurde, bestand aus Plastik (27 %), gefolgt von Zigarettenkippen (24 %), Glas (21 %) und Müllteilen aus Papier (12 %) und Metall (8 %). Sonstige Gegenstände, wie Essensreste, machten 8 % des gefundenen Mülls aus (siehe Abbildung 1). Dabei gab es Unterschiede zwischen den Flusssystemen: Während an der Weser überwiegend Plastik gefunden wurde, waren an der Elbe, dem Rhein und der Donau neben Plastik auch häufig Zigarettenkippen bei den Funden dabei. Am Rhein fand sich außerdem viel Glas (siehe Abbildung 2).

Konkret setzte sich der gefundene Müll an den einzelnen Flüssen folgendermaßen zusammen: Weser: 17 % Zigaretten, 56 % Plastik, 12 % Glas, 9 % Metall und 5 % anderer Müll; Elbe: 29 % Zigaretten, 31 % Plastik, 21 % Glas, 12 % Metall und 7 % anderer Müll; Rhein: 27 % Zigaretten, 31 % Plastik, 28 % Glas, 6 % Metall und 9 % anderer Müll; Donau: 39 % Zigaretten, 18 % Plastik, 15 % Glas, 21 % Metall und 7 % anderer Müll; sonstige Flüsse: 23 % Zigaretten, 24 % Plastik, 32 % Glas, 15 % Metall und 6 % anderer Müll.

Abbildung 1: Zusammensetzung des Mülls, welcher am Flussufer während der Jahre 2016 bis 2020 von den Jugendlichen gefunden wurde. Der Inhalt wird im vorhergehenden Text erläutert.

Abbildung 2 mit Balkendiagramm: Die unterschiedlichen Zusammensetzungen des Mülls am Flussufer je Flusssystem. Der Inhalt wird im vorhergehenden Text erläutert.

Müllansammlungen und Funde gefährlichen Materials am Flussufer (ehemals Gruppe 3)

Untersuchungen zu den Müllansammlungen am Flussufer, also Anhäufungen von mehreren Müllteilen, wurden in den Jahren 2016 bis 2018 erforscht, danach richtete sich eine neue Forschungsfrage auf die individuellen Müllfunde am Flussufer und den Anteil von Einwegplastik (siehe unten). Insgesamt wurden von 60 % der 255 Gruppen Müllansammlungen gefunden. Diese Müllansammlungen bestanden hauptsächlich aus Verpackungsmaterial, Zigarettenkippen und Zeitungen. Insgesamt wurden 1.961 Müllansammlungen identifiziert.

Die Jugendlichen hielten zudem Ausschau nach Material, das für uns Menschen gefährlich werden könnte, wie z. B. Glasscherben, scharfe Metallgegenstände, benutzte Hygieneartikel oder Chemikalien. Dazu wurden Daten von 479 Gruppen ausgewertet. Ganze 89 % von ihnen fanden gefährliches Material auf ihrer Jagd nach Müll. Am häufigsten wurden dabei Glasscherben gefunden (an 72 % der Standorte), gefolgt von scharfen Metallgegenständen
(60 %) und benutzten Hygieneartikeln (53 %). Weniger häufig fanden sich verrottete Speisereste (43 %) und Chemikalien (23 %) (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3 mit Balkendiagramm: Anteil der Gruppen in Prozent, die gefährliches Material gefunden haben. Mehrfachnennungen waren möglich. Der Inhalt wird im vorhergehenden Text erläutert.

Einwegartikel am Flussufer (Gruppe B)

Ab dem Sommer 2021 wird innerhalb der EU ein Verbot für bestimmte Einweg-Plastikartikel eingeführt. Um Aufschlüsse darüber zu erhalten, ob und wie viel Einwegplastik sich tatsächlich an den Flussufern befindet, begaben sich die Plastikpiraten in den Jahren 2019 und 2020 auf die Suche nach diesen Müllobjekten. Insgesamt wurden von den Jugendlichen 130 Standorte auf die Müllvielfalt am Flussufer untersucht und 26.974 Müllteile entlang des Flussufers gesammelt und identifiziert. Hiervon bestanden 16 % aus Einwegplastik, wie beispielsweise Verpackungsmaterial von Süßigkeiten sowie aus Plastiktüten. Feuchttücher und Plastikdeckel konnten ebenfalls von den Plastikpiraten gefunden werden. Plastikflaschen, Becher und Einwegbesteck machten ca. 5 % des insgesamt gefundenen Einwegmülls am Fluss aus. Häufiger wurden Zigarettenkippen (33 % des insgesamt gefundenen Mülls), und Glasscherben (21 %) gefunden. Auch Papier (13 %) und Kronkorken (9 %) waren bei zahlreichen Funden dabei.

Bei den Probennahmen im Herbst 2019 und Frühjahr 2020 fanden die Jugendlichen die folgenden Einwegartikel aus Plastik: 1.670 Verpackungen, 809 Plastiktüten, 441 Feuchttücher, 392 Plastikdeckel, 210 Plastikbecher, 209 Plastikbesteckteile und 179 Fastfood-Verpackungen (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4 mit Balkendiagramm: Anzahl an Einwegartikeln, die bei den Probennahmen im Herbst 2019 und im Frühjahr 2020 gefunden wurden. Der Inhalt wird im vorhergehenden Text erläutert.

Treibender Müll im Fluss (Gruppe C, ehemals Gruppe 4)

Zur Identifizierung von größeren Müllteilen, die an der Flussoberfläche treiben, wurden Daten von 520 Standorten analysiert. Insgesamt wurden 1.354 Teile von den Kindern und Jugendlichen gesichtet, welche normalerweise nicht in saubere Fließgewässer gehören. Unter Berücksichtigung der vorgegebenen Beobachtungszeit trieben im Durchschnitt etwa 3 Müllteile in der Stunde vorbei. Allerdings können die hier erfassten Daten nur als Mindestmaß betrachtet werden: Besonders große und breite Flüsse konnten durch die Schul- und Jugendgruppen nicht vollständig überblickt werden und auch gestauter Müll an Ästen von Bäumen oder an Stauwerken bleibt hier außer Betracht. Häufig war dieser Müll schwer zu identifizieren. Von den wenig identifizierbaren Objekten bestand der meiste treibende Müll aus Plastik.

Großes Mikroplastik im Fluss (> 1mm) (Gruppe C, ehemals Gruppe 4)

Zur Ermittlung der Menge an großem Mikroplastik in den Fließgewässern haben 494 Gruppen die Probennahme durchgeführt. Nach erster Analyse durch die Schulklassen und Jugendgruppen meldeten 32 % der Gruppen großes Mikroplastik in ihren Proben. Bei der Durchsicht der Proben aus den Jahren 2016 und 2017 und der Verifizierung des Mikroplastiks mit einem Spektrometer konnte großes Mikroplastik in 48 % der Proben nachgewiesen werden. Hierbei sollte bedacht werden, dass durch die Art der Probennahme lediglich Mikroplastikpartikel in Netz zurückgehalten wurden, die größer als 1 mm sind. Viele der in die Umwelt eingetragenen Mikroplastikpartikel sind jedoch deutlich kleiner und konnten somit nicht durch das Probennahme-Netz erfasst werden. Des Weiteren gibt es Plastiktypen, die aufgrund ihrer spezifischen Dichteeigenschaften im Wasser sinken und somit ebenfalls nicht von dem Probennahme-Netz erfasst werden können. Dennoch gab es Gruppen, deren Proben bis zu 150 Mikroplastikteile enthielten, wie z. B. eine Probe aus der Rur (auch Eifel-Rur), ein 164 km langer Nebenfluss der Maas oder eine Probe aus der Nähe von Schkopau mit über 200 Plastikpartikeln.

Potentielle Müllquellen am Flussufer (Gruppe D, ehemals Gruppe 5)

Um potentielle Müllquellen auszumachen, berücksichtigten die jungen Forscherinnen und Forscher, wofür vorgefundene Gegenstände typischerweise genutzt werden und wo diese am Fluss gefunden werden können. Laut den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sind es vor allem die Flussbesucherinnen und Flussbesucher, die den meisten Müll verursachen. Diese wurden an 88 % der 490 Standorte, für die eine Bewertung von Müllquellen durchgeführt wurde, als wahrscheinliche Quelle identifiziert. Das ging aus der großen Anzahl von vorgefundenen Lebensmittelverpackungen, Zigarettenkippen und Überresten vom Picknicken und Grillen hervor (z. B. Plastikbesteck, Plastiktüten, zurückgelassene Grills und Grillkohle). Anwohnerinnen und Anwohner wurden an 41 % der Standorte als wahrscheinliche Quelle identifiziert, gefolgt von Müll, der vom Fluss angeschwemmt wurde (30 %), illegal abgeladenem Müll (28 %) und durch Schiffs-und Bootsverkehr entstandenem Müll (13 %). Industriequellen wurden von 9 % der Gruppen als potentielle Müllquelle identifiziert (siehe Abbildung 5). Da diese Einschätzung oft subjektiv ist, wurden von den Kindern und Jugendlichen Fotos gemacht, damit die Quelle der Verschmutzung verifiziert werden kann.

Abbildung 5 mit Balkendiagramm: Anteil der Gruppen in Prozent, welche verschiedene Kategorien als wahrscheinliche Müllquelle ansehen. Der Inhalt wird im vorhergehenden Text erläutert.

Fazit und Ausblick

Die Forschungsarbeit der Plastikpiraten zeigt, dass über die Hälfte des am Flussufer vorgefundenen Mülls aus Plastik und Zigarettenkippen besteht und somit, aufgrund der langen Zersetzungszeit sowie der toxischen Wirkung, auch die Meere gefährdet. Dass der vorgefundene Müll nicht nur ein Umweltproblem ist, sondern auch uns Menschen beeinträchtigt, zeigen die Funde gefährlicher Materialien, die an fast jedem Flussufer entdeckt wurden. Immer wieder haben einzelne Gruppen jedoch auch gar keinen Müll vorfinden können und waren darüber manchmal enttäuscht. Doch das ist selbstverständlich das beste Ergebnis!

Als Hauptmüllquelle für größeren Müll wurden Flussbesucherinnen und -besucher identifiziert. Daher ist es wichtig, ein Umdenken im Konsumverhalten anzuregen: Weniger Plastik zu kaufen bedeutet auch, dass weniger Plastik in der Umwelt landet. Einen ersten Schritt in diese Richtung macht die neue EU-Richtlinie zum Verbot bestimmter Einweg-Plastikartikel, die zum Teil auch an deutschen Flussufern gefunden wurden (z. B. Einweg-Plastikbesteck, ab Juli 2021 ist dessen Produktion und Verkauf in der EU verboten).

Insgesamt war auch die Teilnehmendenzahl beeindruckend: Seit dem Start des Projekts im Jahr 2016 nahmen über 15.000 Jugendliche an der Aktion teil und haben den langen Weg vom Kennenlernen der Plastic-Pirates-Methode über die Datenerhebung und -auswertung bis zum Einreichen der Datensätze und Proben absolviert. Darauf sind wir sehr stolz! Die Kinder und Jugendlichen haben so einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Verschmutzung deutscher Fließgewässer und somit einen wertvollen Beitrag zum Schutz der Flüsse und Weltmeere geleistet. Ohne die Hilfe der jungen Forscherinnen und Forscher wäre diese Untersuchung nicht möglich gewesen, denn ein kleines Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hätte Jahre dafür gebraucht, Daten an so vielen unterschiedlichen Standorten zu erheben.